Aufs Leben

 Durch einen Hof, durch ein Haus, über eine Brücke – in eine andere Welt. Ein Zufluchtsort. Eine Insel, auf der philosophische Gedanken Raum finden und der Schwermut Flügel wachsen. „Der wahre Reichtum besteht nicht in den Dingen, die ein Mensch besitzt, sondern in den Dingen, die er gestalten kann“, sagt Jürgen Michaelis, die Füße im abgestorbenen Laub, den Blick auf die sprießenden Blätter  in der Krone einer hunderte Jahre alten Buche gerichtet. 30 Jahre lang, bis 2007, lenkte er als Bürgermeister die Geschicke Gelnhausens. Heute wird er 75 Jahre alt.

Wer den Hof des fast 160 Jahre alten Anwesens der Familie Michaelis im Herzbachweg in Gelnhausen betritt, fängt an, aus der Zeit zu fallen. Jeder Winkel atmet Historie und Histörchen aus, fast scheint es, als könnte man die Pferde, die hier einst im Stall standen, noch Schnauben hören. Vom zweiten Stock des Wohnhauses aus geht es über eine alte Brücke dorthin, wo der Altbürgermeister und Ehrenbürger der Barbarossastadt sein ganzes Leben lang Kraft getankt hat und noch einige Jahre Kraft tanken möchte: In den rund 10000 Quadratmeter großen Garten, der bis zum Kreiskrankenhaus führt. Ein wilder Garten, naturbelassen, nur selten ordnet Menschenhand das natürliche Gefüge ein wenig. „Es ist wie im Leben. Erst wächst es, dann fällt es wieder um“, sagt Jürgen Michaelis und lächelt sein typisches Lächeln, eine Mischung aus Schalk, Ironie und Weisheit. Es gab Menschen, die prophezeiten, dass er nach dem Eintritt in den Ruhestand in ein tiefes Loch fallen und alsbald ableben werde. Michaelis, dessen Trinkspruch „Aufs Leben“ in Gelnhausen ein geflügeltes Wort ist, bleibt auf dem schmalen Pfädchen durch sein Refugium stehen, lächelt wieder. „Es geht mir gut. Ich habe keine Langeweile, im Gegenteil, meine vielfältigen Aufgaben erfordern einen hohen Zeitaufwand.“ Der 75-Jährige ist Vorsitzender der Gelnhäuser Kulturstiftung und der „Freunde und Förderer des Gelnhäuser Krankenhauses. Außerdem fungiert er als stellvertretender Kreisverbandsvorsitzender des DRK und als Beisitzer im Gelnhäuser Verkehrsverein. Und dann sind da noch die Beziehungen zu Menschen, etliche sind über Jahrzehnte gewachsen. Darunter: gute Freunde, die zu Familie wurden, und kritisch-konstruktive Wegbegleiter. Die haben einen hohen Stellenwert in seinem Leben. „Halbwegs erfolgreich gestalten kann ich nicht im unerschütterlichen Glauben an die Unfehlbarkeit oder Vorzüglichkeit der eigenen Person, die alles besser weiß und kann als der Rest der Welt. Erfolgreich gestalten kann ich nur, wenn ich erkannt habe, dass der einzelne Mensch in seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten – nicht nur zeitlich – ein begrenztes Wesen, ein winziges Rad im Weltgetriebe ist, dass er allein für sich gar nichts ist und dass er nur gemeinsam mit anderen etwas bewirken kann“, fasst er sein Credo zusammen. Den Schulterschluss mit anderen suchen, das ist sein Erfolgsrezept, mit dem er die Barbarossastadt 30 Jahre lang voranbrachte. Aber: „Es war richtig, aufzuhören. Drei Jahrzehnte bleiben nicht in den Kleidern stecken, sie haben auch viel Kraft gekostet. Ich wurde immer dünnhäutiger. Jeden ‚Angriff‘ auf Gelnhausen habe ich auf mich selbst bezogen. Die Zeit als Bürgermeister ist eine Zeit, die nachhallt. Positiv – aber nicht nur“, sagt er, wendet sich ab und deutet auf eine riesige Douglasie. „Viele Bäume hier habe ich selbst gepflanzt.“ Jürgen Michaelis geht in den Wald und in seinen Garten, so oft er kann. „Bäume geben mir eine enorme Kraft.“ Am Buxbaumbusch, der fast komplett dem Zünslerfraß zum Opfer gefallen ist, leitet er zu Geschichten aus seiner Amtszeit über. Wie manch großes Projekt auf dem „kleinen Dienstweg“ eingefädelt wurde, von den Beziehungen zu den in Gelnhausen und Umgebung stationierten US-Soldaten, der Altstadtsanierung  – und als er verhinderte, dass sich Alt-Kanzler Helmut Kohl in das Goldene Buch der Stadt eintrug. Der kam seinerzeit in die Barbarossastadt, um bei einem Gelnhäuser Verleger ein neues Druckzentrum in Betrieb zu nehmen. „Es gab etliche Telefonate im Vorfeld und die Staatskanzlei teilte mit, dass Kohl aus zeitlichen Gründen nicht ins Rathaus kommen und sich dort ins Goldene Buch eintragen könne. Wir sollten das Goldene Buch mit zu der Veranstaltung bringen.“ Michaelis setzt eine versteinerte Miene auf. „Das Goldene Buch der alten Reichsstadt ist kein Poesiealbum! So viel Zeit muss sein, sich im Rathaus dort einzutragen. Das hatten andere Persönlichkeiten der Zeit- und Weltgeschichte auch getan. Ich machte deutlich, dass wir auch unseren Stolz haben. So trug sich Kohl nicht ein und er wollte bei der Veranstaltung auch nicht neben mir sitzen.“

Der Alt-Bürgermeister wirbelt einen Laubhaufen durcheinander. „Mein Garten steht quasi unter Naturschutz und wird nur zum Teil gemäht. Wenn ein Baum stirbt, bleibt  er liegen. Aus ihm erwächst im besten Fall neues Leben.“

Und hier, in diesem verwunschenen Garten, tobt auch die nachfolgende Michaelis-Generation. Zum Geburtstag kommt Tochter Christina mit den beiden Enkelkindern. Dann legt der wissbegierige Jubilar  die zeitgenössische, philosophische oder auch geschichtswissenschaftliche Literatur beiseite und ist einfach nur Opa. „75 ist nur eine Zahl. Ich wünsche mir natürlich, gesund zu bleiben, aber Zufriedenheit ist noch wichtiger als Gesundheit. Gemeinsinn, Geselligkeit, Lebensfreude und Humor, das möchte ich mir bewahren.“

Der Rundgang endet. Michaelis verschließt das stählerne Gartentor. Morgen schon wird er es wieder öffnen. Aufs Leben!

Auch das Team von Radio MKW wünscht alles gute und gratuliert zum 75. Geburtstag!

(Stadt Gelnhausen)

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen